Du hast viel verstanden – und trotzdem verändert sich nichts

Und wieder ist es passiert.

Du wolltest diesmal ruhig bleiben. Nicht sofort nachgeben, dich zurückziehen oder innerlich dichtmachen.

Später wird dir ziemlich schnell klar, was passiert ist.

Natürlich. Mein altes Muster.

Du kennst es längst. Vielleicht weißt du sogar ziemlich genau, woher es kommt. Du kannst erklären, warum du in bestimmten Situationen empfindlich reagierst, warum Nähe manchmal schwierig wird oder warum es dir schwerfällt, eine Grenze zu setzen.

Vielleicht hast du darüber gelesen, Podcasts gehört, meditiert, Therapie oder Coaching gemacht. Du hast Zusammenhänge erkannt und einiges über dich verstanden.

Und trotzdem passiert es wieder.

Das kann ausgesprochen frustrierend sein. Denn eigentlich müsste man denken:

Wenn ich verstanden habe, was ich tue und warum ich es tue, dann müsste ich es doch auch ändern können.

 

Verstehen und verändern sind zwei verschiedene Dinge

Wir überschätzen manchmal, wie viel sich allein dadurch verändert, dass wir etwas verstanden haben oder uns fest vornehmen, künftig anders zu handeln.

Ein einfaches Beispiel sind Neujahrsvorsätze.

Wir wissen meistens ziemlich genau, was wir verändern möchten: mehr Sport, weniger Alkohol, früher schlafen, weniger arbeiten, öfter Nein sagen. Der Entschluss kann vollkommen ernst gemeint sein.

Und trotzdem kennen die meisten die Erfahrung, dass nach einigen Wochen wenig davon übrig ist.

Zu wissen, was ich anders machen möchte, bedeutet noch nicht, dass ich es im entscheidenden Moment auch anders machen kann.

Bei tief eingeprägten Beziehungsmustern gilt das umso mehr.

Ein Muster besteht nicht nur aus Gedanken

Nehmen wir an, du hast früh gelernt, Konflikte möglichst zu vermeiden.

Vielleicht wurde dein Ärger in deiner Familie abgelehnt. Vielleicht endeten Konflikte mit Rückzug, Schweigen oder Liebesentzug. So kann sich eine einfache, aber wirkungsvolle Erfahrung einprägen:

Wenn ich widerspreche oder Ärger zeige, gefährde ich die Beziehung.

Heute weißt du vielleicht längst, dass du deine Bedürfnisse deutlicher äußern und Grenzen setzen solltest. Du findest das sogar vollkommen richtig.

Doch dann sitzt dir ein Mensch gegenüber, der dir wichtig ist.

Du bemerkst eine Spannung. Dein Körper wird unruhig. Vielleicht wirst du eng im Brustkorb, deine Stimme verändert sich oder du spürst Unsicherheit. Gleichzeitig taucht die Befürchtung auf, dass der andere sich zurückziehen könnte, wenn du widersprichst.

Und plötzlich sagst du wieder:

„Ist schon okay.“

Dein Wissen ist in diesem Moment weiterhin da. Gleichzeitig wirken alte Erwartungen, Gefühle und eingeübte Reaktionen.

Unsere Erfahrungen prägen, was wir in bestimmten Situationen erwarten, wie wir uns fühlen, wie unser Körper reagiert und welche Möglichkeiten uns in diesem Moment überhaupt zur Verfügung stehen.

Vergangene Erfahrungen zeigen sich deshalb sehr unmittelbar im gegenwärtigen Erleben.

Vielleicht verstehst du längst:

„Ich ziehe mich zurück, sobald ich Angst habe, verletzt oder verlassen zu werden.“

Diese Erkenntnis kann sehr wichtig sein.

Veränderung wird jedoch oft erst möglich, wenn du etwas anderes erlebst als das, was dein Muster erwartet.

Du sagst Nein – und der andere bleibt.

Du zeigst Ärger – und die Beziehung hält das aus.

Du äußerst ein Bedürfnis – und wirst damit ernst genommen.

So entsteht eine neue Erfahrung, die der alten Erwartung widerspricht.

Manche Dinge müssen wir nicht noch besser verstehen. Wir müssen etwas anderes erleben.

Ein Nein kann sich im Kopf vollkommen richtig anfühlen und im entscheidenden Moment trotzdem gefährlich.

Dann kann es einen Unterschied machen, tatsächlich Nein zu sagen und zu erleben: Der andere ist vielleicht enttäuscht oder anderer Meinung – und bleibt trotzdem in Kontakt.

Vielleicht kennst du auch das Gefühl, für die Stimmung oder das Wohlbefinden anderer verantwortlich zu sein. Du weißt längst, dass du nicht alles tragen musst. Eine neue Erfahrung entsteht, wenn du Verantwortung bewusst beim anderen lässt und die dabei auftauchende Unruhe aushältst.

Oder du hast verstanden, dass du dich mehr zeigen möchtest. Dann kann es wichtig werden, tatsächlich etwas von dir sichtbar werden zu lassen, das du sonst aus Angst vor Ablehnung oder Scham zurückhältst – und zu erleben, wie dein Gegenüber damit umgeht.

Solche Erfahrungen verändern nicht mit einem Schlag das ganze Leben. Aber sie können etwas in Bewegung bringen.

Eine neue Erfahrung erweitert den eigenen Spielraum. Und daraus können weitere Erfahrungen entstehen: ein Nein im Alltag, ein offeneres Gespräch, eine klarere Grenze, mehr Nähe oder mehr Mut, sich anzulehnen.

Manchmal entsteht daraus tatsächlich eine Art Dominoeffekt.

Neue Erfahrungen brauchen einen stimmigen Rahmen

Genau hier liegt für mich eine besondere Stärke von Gestaltarbeit und Gestalttherapie.

Solche neuen Erfahrungen können zunächst in einer verlässlichen professionellen Beziehung und in einem geschützten Rahmen ausprobiert werden.

Mit Aufmerksamkeit, Wohlwollen und Begleitung kannst du Impulsen Raum geben, die sich sonst riskant anfühlen: Nein sagen, Ärger zeigen, dich anlehnen, dich öffnen oder eine Grenze setzen.

Dabei geht es nicht darum, etwas Bestimmtes leisten zu müssen. Wir schauen gemeinsam darauf, was gerade passiert, was dich zurückhält und was vielleicht möglich wird.

Wenn du dabei erlebst, dass Kontakt auch mit einem Nein, mit Ärger, Unsicherheit oder Scham bestehen bleiben kann, entsteht eine Erfahrung, die sich von bisherigen Erwartungen unterscheidet.

Mit der Zeit kann daraus mehr Selbstsicherheit und Handlungsspielraum entstehen.

Und diese Erfahrung bleibt nicht auf die gemeinsame Arbeit beschränkt. Sie kann zu einer Ressource werden, auf die du auch außerhalb des Settings zurückgreifen kannst.

 

Wenn sich das alte Muster direkt zwischen uns zeigt

Manchmal wird ein Muster auch unmittelbar in der gemeinsamen Gestaltarbeit sichtbar.

Du erzählst vielleicht davon, wie unsicher du gegenüber deinem Chef wirst – und bemerkst gleichzeitig, dass du auch mir gegenüber vorsichtiger wirst.

Vielleicht sagst du, dass deine Bedürfnisse in Beziehungen häufig zu kurz kommen – und achtest auch hier zuerst darauf, was für mich in Ordnung sein könnte.

Oder du erzählst, dass du deinen Ärger kaum zeigen kannst, und relativierst ihn schon im nächsten Satz.

Dann müssen wir nicht nur über das Muster sprechen.

Wir können gemeinsam wahrnehmen, wie es gerade entsteht, was du dabei fühlst und was du eigentlich tun möchtest.

Und vielleicht kannst du genau dort etwas Neues ausprobieren.

Warum Beziehung dabei eine besondere Rolle spielt

Martin Buber formulierte den bekannten Satz:

„Der Mensch wird am Du zum Ich.“

Viele unserer tiefen Muster haben sich schließlich in Beziehungen entwickelt.

Wir haben gelernt, wann Nähe möglich ist, wann wir vorsichtig werden müssen, was geschieht, wenn wir widersprechen und welche Seiten von uns willkommen sind oder besser verborgen bleiben.

Deshalb können auch neue Beziehungserfahrungen eine besondere Kraft entfalten.

Dass eine gute therapeutische Beziehung wesentlich zur Wirksamkeit von Psychotherapie beiträgt, ist in der Forschung gut belegt. [Flückiger et al., 2018]

Vom Wissen zur Erfahrung

Manchmal ist Verstehen genau der richtige nächste Schritt. Ein bisher verborgener Zusammenhang wird sichtbar und allein dadurch verändert sich bereits etwas.

Manchmal hast du jedoch längst genug verstanden.

Dann lohnt es sich, genauer wahrzunehmen, was in dem Moment geschieht, in dem das alte Muster wieder übernimmt.

Was spürst du?

Was erwartest du?

Was möchtest du eigentlich tun?

Was hält dich davon ab?

Und was geschieht, wenn du für einen Moment etwas Neues ausprobierst?

Genau dort setzt meine Arbeit häufig an: an der Stelle, an der du dein Muster längst verstanden hast und trotzdem merkst, dass Verstehen allein noch nichts verändert.